Wenn Alles manchmal nicht genug ist

Peugeot 308SW test drive at le Touquet (Paris-Plage) April 2014

Warum macht uns “Alles zu haben” nicht glücklich? Können wir es nicht erkennen, nicht als solches Glück werten?

Entscheidungen

Entscheidungen begleiten uns unser ganzes Leben, wir treffen sie täglich unzählige Male. Manche schieben wir aber vor uns her, ewig, und wagen es nicht ihnen in die Augen zu blicken. Ist es Angst, Unwissenheit? Manchmal aber trifft man Entscheidungen, weil man erwartet. Mehr, mehr Liebe, mehr Aufregung, mehr Spaß, mehr erleben. Leben bedeutet Veränderung. Aus der Komfortzone ausbrechen, Herausforderung annehmen. Herausforderungen, die man bestanden hat, führen zu Glück, oder? Zumindest hatte ich dazu vor einiger Zeit einen Beitrag verfasst, in dem ich das behaupte.

Vor über einem Jahr habe ich große Entscheidungen, fast wie am Fließband, getroffen. Einige, weil ich sie so wollte und andere wiederum, weil sie sich so ergeben hatten. Zeit spielt eine wichtige Rolle – sie läuft unaufhaltsam. Man steht da und glaubt etwas versäumt zu haben. Gut, wenn das mit Mitte zwanzig und nicht Mitte fünfzig passiert. Vielleicht ist versäumt haben, nicht der richtige Ausdruck – eher trifft es, mehr wollen oder mehr erwarten. Man fühlt sich aufgrund der bestehenden Beziehungen oder Verträge nicht frei genug, um seinen Weg zu gehen. Den, den man glaubt, gehen zu wollen, wenn all diese Verpflichtungen nicht wären. Was nicht bedeutet, dass man mit dem, was man hat, unzufrieden ist. Nein, es bedeutet, dass man eine Sehnsucht hat, die man in diesem Kreis anscheinend nicht befriedigen kann.

Vergangenheit

Die Entscheidung fällt, man löst sich und zieht los. Schmerzlich erkennt man, bei jedem Schritt, was man hinter sich lässt. Man geht weiter, manche Schritte tun sich wie von alleine, andere zeigen nur auf, dass man sich nur noch weiter entfernt – von etwas, das man eigentlich liebt. Dann kommt der Schritt, der die Vergangenheit so weit entfernt, dass dieser winzige Punkt am Horizont beim nächsten verschwunden ist. Der Schmerz im Herzen lässt einen erstarren, man weiß, dass man jetzt noch ein letztes Mal zurückblicken kann. Aber was bedeutet zurück? Zurückgehen, fühlen, zurücksehen oder ist es der verzweifelte Versuch, eine Erinnerung noch ein Mal zu erleben? Für mich war das im letzten Jahr eine der schlimmsten Nächte, die Nacht, in der ich das erste Mal erfasst habe, wozu ich mich entschieden hatte. Ein zurück, gab es für mich nicht, ich wollte nicht zurückblicken. Vor mir war eine Welt voller Möglichkeiten – dafür hatte ich mich entschieden und da musste ich auch hin.

Werte

Innerhalb weniger Wochen wurden meine Werte relativiert. Irgendjemand (niemand Geringerer, als ich selbst) hat den “Delete All” Button gedrückt und ich musste alles neu gestalten. Träume, Wünsche und Ziele. Beziehungen und Kontakte. Es war fast, wie neu hören lernen. Man sucht in all dem Lärm nach Bekanntem, nach irgendetwas Vertrautem aber man hört nichts außer unfassbaren Lärm. Und dann beginnt man von vorne. Das ist das Lachen eines Menschen, das Zwitschern eines Vogels und das der Wind. Man erkennt, dass man so gerne dem Meer lauscht und am liebsten den Sonnenstrahlen zuhört – das Glitzern erzeugt so schöne Melodien. Gelöscht! Was einst wichtig war, wird total unbedeutend. Besitz war es, wovon ich mich als Erstes löste. Kein Auto, keine Wohnung, keine Klamotten, keine 1000 Paar Schuhe und Handtaschen. Ich wollte nicht einmal Geld. Ich erkannte, dass das Einzige, was ich wirklich brauchte, die Liebe und Anerkennung von den Menschen ist, die mir nahe stehen. Um so weiter ich ging, um so weiter entfernte ich mich von ihnen. Die Sehnsucht nach neuen Wegbegleitern stieg. Neue Beziehungen wurden künstlich gepusht und gingen natürlich irgendwann mit Schall und Rauch im Nichts auf. Man bleibt stehen und erkennt, dass man einen Weg gewählt hat, der einen von allem befreit hat, auch von den Menschen, die man liebt.

Losgelöst

War es nicht das, was ich wollte? Frei sein, um mich zu finden? Ich wollte doch nur nach mehr streben. Mein Streben nach Glück war es, das mich diese Schritte tun lies. Natürlich passiert Glück in einem Selbst aber ohne Menschen, die einen lieben und schätzen, werden Sekunden, Orte und Erlebnisse plötzlich wertlos.

Ich weiß nicht, ob es die richtige Frage ist, wenn ich von mir wissen möchte, ob die Entscheidungen falsch oder richtig waren. Wahrscheinlich sollte man FALSCH/RICHTIG aus Prinzip aus seinem Wortschatz streichen.  Aber vielleicht bin ich meinem Glück jetzt etwas näher, weil ich genau weiß, worauf es für mich im Leben ankommt.